Bücherfrühling 2020

Wann, wenn nicht jetzt. In Zeiten eingeschränkter Bewegungsfreiheit können Sie zwar nicht real in andere Welten reisen. Doch zum Glück gibt es Bücher, die in andere Länder und Zeiten entführen. Wir stellen Ihnen einige neue Hör- und Braillebücher unseres Hauses in diesem Frühling vor.

Wer Bücher im dzb lesen ausleihen möchte, melde sich telefonisch unter 0341 7113-116/-118 (Hörbücher) bzw. 0341 7113-113/-114 (Braillebücher) oder schreibe eine Mail an bibliothek@dzblesen.de!

Lesen bzw. hören Sie also wieder mal in Ruhe ein gutes Buch!

Négar Djavadi: Désorientale

Wie Scheherazade dem Sultan erzählt Négar Djavadi aus der Sicht ihres Alter Egos Kimia Sadr fesselnde Geschichten über drei Generationen ihrer iranischen Familie. Sie beginnt im alten Persien mit der Geburt ihrer Großmutter Nur, deren Augen das Blau des Kaspischen Meeres hatten. Erzählt vom Leben ihres politisch aktiven Vaters Darius und dessen Frau Sara, die beide Gegner des Schahs sind, von ihrer Kindheit in Zeiten der politischen Revolution, ihrer Flucht nach Frankreich und vom Versuch eines Neuanfangs fernab der Heimat. Mit ihren Geschichten bewegt sie sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Orient und Okzident, zwischen dem Teheran der 70er Jahre und dem Paris von heute.
Kimia Sadr, die in einer Pariser Klinik auf eine künstliche Befruchtung wartet, erinnert sich an Familienmythen und –geheimnisse, versucht mithilfe von Reflexionen ihren eigenen Platz innerhalb der Familie und eine neue Identität und Orientierung in der westlichen Welt zu finden.

Ein hervorragend erzähltes Buch! Unbedingt hören!

1 CD-DAISY (15:09 h), Ausleihe 43332

Nell Zink: Nikotin

Weil ihr Vater, ein Schamane, gestorben ist, erbt die 23-jährige Penny Baker sein verfallenes Elternhaus. Sie hat gerade ihren College-Abschluss gemacht und sucht einen Job. Das Haus scheint ihr eine willkommene Aufgabe zu sein, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Doch findet sie es von einer Kommune mit dem Namen „Nicotine“ besetzt. Penny wird von der stark rauchenden Gemeinschaft aufgenommen und fühlt sich unter den Anarchisten, Konsumverweigerern und politischen Aktivisten sehr wohl. Sie verliebt sich in den asexuell lebenden Rob, der Fahrräder repariert und das Haus als einer der ersten auf Vordermann gebracht hat.
Die Hausbesetzer, die nicht mehr als ein Dach über dem Kopf, Sex und etwas zu essen brauchen, geben ihr zunächst das Gefühl der Zugehörigkeit, das sie in ihrer Familie kaum empfunden hat. Sie wuchs in chaotischen Familienverhältnissen mit zwei Stiefbrüdern auf. Ihre Mutter ist eine Indigene aus Kolumbien. Sie und ihr gewalttätiger Stiefbruder Matt wollen nun die Immobilie verhökern. Doch dann verliebt sich Matt in Jazz, eine Mitbewohnerin des Hauses. Das gefällt Pennys Mutter Amalia gar nicht und Penny begehrt immer noch Rob, der jedoch mit Jazz zusammen ist.

Nell Zink zeichnet ein satirisches Sittenbild der amerikanischen Gegenwart mit schrägen, unberechenbaren Typen verschiedener Identitäten. Mit viel Humor und zugespitzten Situationen stellt sie sowohl die parasitäre Kommune als auch die geldgierige Familie Pennys bloß.

Humorvoll und rasant erzählter Roman mit überraschenden Wendungen. Sehr empfehlenswert!

CD Daisy (12:13 h), Ausleihe 45247

Sabine Ebert: Schwert und Krone – Herz aus Stein

Es ist der vierte Band, in dem es um das Leben und Wirken Friedrich Barbarossas geht. Wer historische Romane liebt, der wird auch mit diesem Band nicht enttäuscht. Die Autorin schildert die Jahre 1157 bis 1167, in denen Barbarossa sich auf dem Höhepunkt der Macht befindet und gegen seine Rivalen behaupten muss, wie beispielsweise den jungen Sohn von König Konrad. Italien, besonders die reichen Herren in Mailand widersetzen sich standhaft seinem Machtgebaren, so dass er gemeinsam mit seinem Freund und Vetter Heinrich dem Löwen in einen Italien-Feldzug ziehen muss. Dieser baut mit Gewalt und skrupellos das noch unbedeutende München wieder auf. Barbarossa dagegen sorgt sich weniger um den machtbesessenen Heinrich, um Intrigen und Verrat, sondern viel mehr um einen Erben. Seine geliebte Frau Beatrix bekommt kein Kind, was in dieser Zeit natürlich vor allem die Schuld der Frauen ist.
Die Autorin erzählt in unterschiedlichen Handlungssträngen und liefert somit ein hervorragendes historisches Panorama aus dieser Zeit. Wie immer ist auch der vierte Band sehr gut recherchiert. Das belegen ein Personenregister, Stammbäume der Herrscherhäuser, sowie Karten und eine Zeittafel.

Ein fesselnder historischer Roman aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt!

1 CD DAISY (15:23 h), Ausleihe 48973

James Baldwin: Von dieser Welt

John ist vierzehn Jahre alt, sensibel, intelligent – und schwarz. Er lebt mit seiner Familie im New Yorker Harlem. Sein Vater ist Prediger, der John prügelt und von ihm strengen Glauben und Gehorsam verlangt. Dafür hasst der Junge ihn und trotzt ihm. Er sehnt sich nach einer anderen Welt, in der nicht sein Vater oder ein Gott über sein Leben bestimmt, sondern er selbst. Doch auch John soll Prediger werden…
An einem einzigen Tag, dem Geburtstag Johns und zwischen Anfang und Ende des abendlichen Gottesdienstes, legt der Autor eine Familiengeschichte vor, die beklemmender und berührender nicht sein kann. In ihr beschreibt er – beispielhaft für viele Schwarze in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts – deren Weg aus der Sklaverei des Südens in die scheinbare Freiheit des Nordens, in eine Welt voller Rassenhass. Anhand einzelner Schicksale thematisiert er nicht nur die Unterdrückung der Schwarzen durch die Weißen, sondern offenbart auch Doppelmoral, religiöse Unterdrückung, Schuld und Scham unter den Schwarzen.

Ein beeindruckendes, spannend erzähltes Buch, 1953 erstmals veröffentlicht, jetzt neu erschienen und aktueller denn je.

3 Bände, Kurzschrift, Ausleihe 19102, Verkauf 9903, 36 Euro

Inger-Maria Mahlke: „Wie ihr wollt“

Sie hat nur eine Nebenrolle im Hause der Tudors gespielt. Man hätte sie beinahe übersehen. Mahlke gibt der kleinwüchsigen, buckligen Cousine von Elisabeth I., Mary Grey, eine Stimme und macht sie zur Ich-Erzählerin. Die in Ungnade gefallene Thronanwärterin steht unter Hausarrest, weil sie ohne Erlaubnis ihrer Cousine geheiratet hat. In ihren im Gefängnis geschriebenen Tagebucheinträgen geht es um Familienfehden, Intrigen und Machtspiele bei Hofe. Hier schreibt sie, wie ihr Vater und ihre Schwestern diesen Ränkespielen zum Opfer fielen. Weil sie möchte, „dass etwas von mir übrig bleibt“, berichtet sie, was ihr seit ihrer Geburt widerfahren ist, wie sie als Kind gehänselt wurde, welche Erniedrigungen sie aushalten musste.
Zunehmend verbittert und abfällig erzählt sie vom Alltag im Gefängnis und versucht über die Dienerschaft und ihre Zofe Ellen, zu der sie eine große Hassliebe entwickelt, Kontakt zur Außenwelt zu halten. Kämpferisch sucht Mary nach einem Weg in die Freiheit und Selbstbestimmung. Leider vergebens!

Sehr anspruchsvoll, da es kein historischer Roman ist, eher die „literarische Aneignung eines historischen Stoffs“ (so die Autorin über ihren Roman).

3 Bände, Kurzschrift, Ausleihe 18990, Verkauf 9572, 36 Euro

José Luís Peixoto: Friedhof der Klaviere

Neues Leben wird geboren, altes geht – das ist der Lauf der Zeit. So auch in der Familie Lázaros, einer Tischlerfamilie im Arbeiterviertel von Lissabon. Es geht um drei Tischler aus drei Generationen, die schadhafte Klaviere restaurieren: Francisco, dessen Vater und Franciscos Sohn. Peixoto entwirft ein episches Familienporträt. Er beginnt mit dem Tod Franciscos Vaters. Dieser blickt nun als gestorbener Vater und Ehemann zurück und sieht seine Kinder heranwachsen und eine eigene Familie gründen. Aber auch Francisco, sein Sohn, kommt zu Wort. Er ist Marathonläufer, der bei den Olympischen Spielen in Stockholm teilnimmt. Francisco bricht bei Kilometer 30 zusammen und stirbt genau an dem Tag, an dem sein Sohn geboren wird. Während des Laufes erinnert er sich an seine Kindheit, seine Geschwister, seine Eltern. Er erzählt von seinem gewalttätigen und trunksüchtigen Vater, von seiner Ehe und der Liebe zu einer Pianistin.
Auf dem Friedhof der Klaviere sammeln die Tischler alte Klaviere, die zum Reparieren anderer Klaviere gebraucht werden. Es ist ein magischer Ort, der viele Geheimnisse birgt, der von Ehebrüchen, Gewalt, Liebe und Verletzungen erzählt – an dem sich der verstorbene Opa mit seiner dreijährigen Enkelin unterhält.

Ein Buch, das nicht einfach zu lesen ist, weil die Erzähler ständig wechseln und zeitliche Grenzen aufgehoben werden, das aber durchzogen ist mit wunderbaren sprachlichen Bildern.

3 Bände, Kurzschrift, Ausleihe 18914, Verkauf 9768, 36 Euro

Salah Naoura: Hilfe! Oma kommt zurück!

Es ist der zweite Band der wirklich lustigen Geschichte um Oma Cordula, die so ganz anders ist als alle anderen Omis. Sie bringt das Leben der Familie Gruber und vor allem das ihres Enkels Henriks ganz schön durcheinander, als sie aus dem Altersheim in das Haus der Familie zieht und behauptet, dass im Garten ein Schatz vergraben liegt. Im zweiten Band nun buddelt Hund „Nase“ Omas Goldbarren aus. Sie hatte ihn Henrik geschenkt, der sich seine Verwendung zunächst einmal aufhob. Natürlich beschlagnahmen die Eltern das Geschenk sofort. Zum Glück kommt Oma Cordula überraschend von ihrer Weltreise nach Hause und verbündet sich mit ihrem Enkel. Dieser wundert sich aber, warum Oma plötzlich so nett ist. Hat sie wieder etwas Verrücktes vor. Das muss Henrik herausfinden.

Humorvolle, fantasievolle Familiengeschichte für Kinder ab 8 Jahren, auch zum Vorlesen!

2 Broschüren in Kurz- und Vollschrift, Ausleihe 19253/19254, Verkauf 9727/9728, 12 Euro